Mike Schollbach
Mike Schollbach
3× Deutscher Meister · über 30 Jahre Erfahrung im Kraftsport · 6 Min. Lesezeit

Kurz gesagt: RIR (Wiederholungen in Reserve) ist ein brauchbares Werkzeug, aber nur in einem engen Bereich. Am genauesten schätzt du zwischen RIR 0 und 2, ab RIR 3 wird es unschärfer, ab RIR 4 ist es fast geraten. Ich nutze RIR deshalb als Vorgabe nur bei Nebenübungen. In den Hauptübungen bekommst du von mir feste Gewichte, und RIR ist dort nur eine Orientierung, die du nach dem Satz selbst einschätzt.

Was sind RIR und RPE?

RIR steht für „Repetitions in Reserve“, also Wiederholungen, die du am Ende eines Satzes noch geschafft hättest. RIR 2 heißt: Nach dem Satz wären noch zwei saubere Wiederholungen gegangen. RIR 0 heißt: Es ging keine mehr.

RPE („Rate of Perceived Exertion“) misst dasselbe von der anderen Seite, als Anstrengung auf einer Skala von 1 bis 10. RPE 10 entspricht RIR 0, RPE 9 entspricht RIR 1, RPE 8 entspricht RIR 2 und so weiter. Welche Prozentwerte dazu gehören, zeigt mein 1RM Rechner mit RPE-Tabelle.

Ich nutze im Coaching ausschließlich RIR. Der Grund ist einfach: Ein Athlet versteht sofort, was gemeint ist, wenn ich sage „lass eine Wiederholung im Tank“. Mit einer abstrakten Zahl auf einer Skala fängt kaum jemand etwas an.

Wo RIR genau ist und wo nicht

Die Einschätzung ist nicht überall gleich zuverlässig. Zwei Dinge spielen eine große Rolle.

1. Die Nähe zum Versagen

Je näher du am Limit bist, desto besser weißt du, wie viel noch geht. Bei RIR 0 bis 2 liegt die Einschätzung bei den meisten ziemlich gut. Bei RIR 3 wird sie unschärfer, und ab RIR 4 ist sie sehr ungenau. Wer bei einem Satz „RIR 5“ angibt, kann in Wirklichkeit irgendwo zwischen RIR 3 und RIR 8 gelegen haben.

Meine eigene Einschätzung ist im Bereich RIR 1 bis 3 am besten. Und genau in diesem Bereich plane ich auch. Das ist kein Zufall, sondern der Grund, warum RIR in meinem Coaching-Stil gut funktioniert.

2. Die Art der Übung

Bei einer Isolationsübung wie Trizeps-Drücken oder Bizeps-Curls arbeitet ein Muskel isoliert, solange man nicht abfälscht. Das Ende des Satzes ist klar zu spüren, und du merkst genau, wann es nicht mehr geht.

Bei Grundübungen wie Kniebeuge, Bankdrücken und Kreuzheben kommt viel mehr zusammen: Atmung, Rumpfspannung, Konzentration und die Technik. Oft endet ein Satz nicht, weil der Muskel nicht mehr kann, sondern weil die Technik zerfällt. Dann fühlt sich die letzte Wiederholung schwer an, obwohl mit besserer Ausführung noch etwas gegangen wäre. Das macht die Einschätzung bei Grundübungen unschärfer als bei Isolationsübungen, und in der Kniebeuge meist noch etwas mehr als im Bankdrücken.

Wie ich RIR im Coaching einsetze

  • Nebenübungen: Hier gebe ich RIR als Vorgabe. Der Athlet weiß sofort, was „RIR 1“ bedeutet, und kann die Intensität selbst steuern. Es ist nicht schlimm, ob du genau RIR 1 triffst oder bei RIR 2 landest.
  • Hauptübungen: Hier bekommst du von mir feste Gewichte. RIR ist nur eine Orientierung. Nach dem Satz schätzt du selbst ein, wie viele Wiederholungen noch gegangen wären, und ich kontrolliere deine Einschätzung am Satzvideo, das du hochlädst.
  • Schlechter Tag: In den allermeisten Fällen ist eine Reduktion des Gewichts um 2,5 bis 5 % sinnvoll. Ich entscheide das aber von Fall zu Fall, du meldest dich bei mir und ich gebe dir meine Einschätzung.
  • Guter Tag: In den Hauptübungen wird in der laufenden Woche nicht gesteigert. Ich passe lieber die Folgewoche an, und zwar erst dann, wenn klar ist, ob es nur ein guter Tag war oder eine Tendenz.

Einschätzen lernen

Für Einsteiger ist RIR ein Lernprozess, den ich begleite. Die meisten schätzen sich am Anfang zu schwach ein: Sie schreiben „RIR 1“, und auf dem Video sieht man, dass es eher RIR 3 war. Mit der Zeit wird das genauer.

Dabei helfe ich mit AMRAP-Sätzen: Der Athlet bekommt ein Gewicht vorgegeben und macht damit so viele Wiederholungen, bis wirklich keine mehr geht. So spürst du einmal, wie sich das Limit anfühlt, und kannst deine Schätzung danach besser einordnen. Ich lasse AMRAP-Sätze in der Regel nur in den Nebenübungen machen, nicht in den Hauptübungen.

Die häufigsten Fehler mit RIR

1.Das Gewicht als zu schwer einschätzen

Der häufigste Fehler, den ich sehe: Athleten stufen einen Satz als näher am Limit ein, als er war. Aus „RIR 3“ wird dann „RIR 1“. Das Training fällt dadurch leichter aus, als es sein sollte.

2.Technischen Zerfall mit Erschöpfung verwechseln

Wenn die letzte Wiederholung wackelt, fühlt sie sich nach Limit an. Gemeint ist aber, wie viele saubere Wiederholungen noch gegangen wären. Hier hilft das Satzvideo.

3.Beim Brennen aufhören

Gerade bei Nebenübungen brennt der Muskel lange, bevor er wirklich am Ende ist. Brennen ist kein Signal, den Satz zu beenden.

4.Anstrengung mit RIR verwechseln

Viele Athleten setzen das Gefühl von Anstrengung mit RIR gleich. Ein Beispiel: Der Athlet soll 8 Wiederholungen Kniebeugen machen. Der Satz fühlt sich sehr anstrengend an, und er meldet „RIR 2“. Im Video sehe ich aber, dass sich die Hantel in der letzten Wiederholung noch sehr schnell bewegt hat. Der Satz war also deutlich leichter, als er sich angefühlt hat. Ein harter Satz ist nicht automatisch ein Satz nahe am Limit.

5.Die Einschätzung nie überprüfen

Wer nie erlebt, wie sich das echte Limit anfühlt, hat keine Referenz. Gelegentlich ein AMRAP-Satz oder ein Video, das du mit deiner Einschätzung vergleichst, schafft diese Referenz.

Mein Fazit

RIR ist kein Wundermittel und auch kein schlechtes Werkzeug. Es ist ein Werkzeug, das in einem engen Bereich gut funktioniert. Setze RIR als Vorgabe bei Nebenübungen ein, wo die Einschätzung zwischen RIR 0 und 2 am genauesten ist. Bei den Grundübungen helfen dir feste Gewichte mehr, und RIR bleibt eine Orientierung, die du nach dem Satz einschätzt.

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